Nieten in Nadelstreifen

Die narzißtische Deprivation als Conditio sine qua non für Karrieremenschen

Narzissos ist in der griechischen Mythologie der schöne Sohn eines Flußgottes und einer Wassernymphe. Er verliebte sich in sein eigenes Spiegelbild und war daraufhin unfähig, Liebe für andere zu empfinden. Pausanias erzählt über seinen Tod: Eines Tages setzte sich Narzissos an den See, um sich seines Spiegelbildes zu erfreuen, woraufhin durch göttliche Fügung ein Blatt ins Wasser fiel und so durch die erzeugten Wellen sein Spiegelbild trübte. Schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei häßlich, starb er. Nach seinem Tode wurde er in eine Narzisse verwandelt.
Alice Miller schrieb über den Mythos des Narzissos: "Die Sage von Narzissos schildert die Tragik des Selbstverlustes, der sogenannten narzißtischen Störung. [...] Auch sein Spiegelbild täuscht ihn, indem es nur den vollkommenen, großartigen Teil von ihm spiegelt, nicht aber die anderen Seiten. Seine Rückenseite z. B. und sein Schatten bleiben ihm verborgen, gehören nicht zum geliebten Spiegelbild, werden ausgeklammert." (Das Drama des begabten Kindes, S. 99)

Der Narzißt ist jemand, dessen Bedürfnisse während seines frühkindlichen Lebens nicht befriedigt wurden und der im späteren Leben diese weiterhin bestehende kindliche Bedürftigkeit durch die Bewunderung anderer zu stillen hofft. Als Säuglinge und Kleinstkinder besitzen wir kein nennenswertes Innenleben. Unsere Identität wird uns zu Beginn unseres Lebens allein durch die Menschen in unserem direkten Umfeld verliehen. Zu dieser Zeit brauchen wir rund um die Uhr einen Menschen als äußeren Bezugspunkt - im Idealfall die Eltern.
Mangelt es einem Kind in den ersten Lebensmonaten an Aufmerksamkeit, Geborgenheit und Widerhall durch die Familie - wird es gar allein irgendwo liegengelassen - wird dieses erste Bedürfnis des Kindes nicht gestillt und bleibt ein Lebenlang vorhanden. Das Kind bekommt das Gefühl, daß irgend etwas mit ihm nicht in Ordnung ist, da es allein seinem Schicksal überlassen wird. Es kann nicht wissen, daß es sich im Kinderzimmer in völliger Sicherheit befindet. Es leidet Todesängste. Ein intaktes Selbstwertgefühl kann so nicht entstehen.
Für solche im Säuglingsalter vernachläßigten Menschen besteht die Gefahr, ihr gesamtes Leben lang diesen ersten Mangel ausgleichen zu wollen. Sie leiden an der narzißtischen Deprivation. Der Narzißt besitzt eine zutiefst gespaltene Persönlichkeit. Nach außen gibt er ein Bild des Erfolgs und der Selbstsicherheit ab - wie Narzissos mit seinem wunderschönen Gesicht. Aber innerlich ist er ein Häufchen Elend, vollkommen abhängig von dem, was andere über ihn denken. Narzissos stirbt bei dem bloßen Gedanken, er könnte häßlich sein. Die Angst tötet ihn.
Auch dem Narzißten ist eine tiefsitzende Angst, man könne ihn für wertlos erachten, inne. Der Psychologe Dr. Hans Ulrich Gresch schrieb einmal:

"Es gehört zur 'Symptomatik' von Narzißten, daß sie von bedingungsloser Anerkennung, Bewunderung und Unterwerfung ihrer Mitmenschen unter ihre Bedürfnisse abhängig sind. So kompensieren sie ihre unterdrückten, extremen Minderwertigkeitsgefühle. Sie neigen daher dazu, sich ein Biotop zu suchen, das sich besonders gut zur Kompensation dieser Minderwertigkeitsgefühle eignet. Es muß ihrem narzißtischen Hunger auf Bestätigung eingebildeter Grandiosität geeignetes Futter bieten."

Chefetagen
Eines der ganz typischen attraktiven Biotope für Narzißten sind Managerposten in großen Firmen. Dr. Gresch: "Es versteht sich von selbst, daß Chefetagen ideale Weideplätze für Narzißten sind. Je höher der Narzißt in dieser Chefetage angesiedelt ist, desto besser. Am allerbesten ist es, wenn man sein eigener Chef ist. Kritik kommt dann allenfalls noch von Kunden, aber für Fehler kann man die Mitarbeiter verantwortlich machen."
Wer schon einmal ein paar Jahre in einem größeren Unternehmen gearbeitet hat, der wird die Situation kennen: Man hat als Vorgesetzten einen Manager, der de facto keine Ahnung vom Tagesgeschäft hat, der auch keine wirklichen Führungsqualitäten besitzt oder sonst eine Eigenschaft, die seine Position rechtfertigen würde. Aber er arbeitet unermüdlich an seiner Selbstinszenierung und ist auch moderat erfolgreich dabei. Er überträgt die Aufgaben, die seine Inkompetenz offenbaren könnten, auf ihm hörige Ja-Sager, die als willige Weisungsempfänger einen kleinen Schritt auf der Karriereleiter (und einen großen auf der Gehaltsleiter) machen dürfen.
Wenn es ihm möglich ist, wird er weitere Positionen in der Firma mit Leuten besetzen, die er bereits kennt und von denen er weiß, daß sie ihm hörig sind. Dr. Gresch meint:

"Der Narzißt möchte sich zwar gern gut verkaufen, aber es gelingt ihm in aller Regel nicht. Wenn er in hohe gesellschaftliche Positionen aufsteigt, so nicht aufgrund seines diplomatischen Geschicks oder sonstiger ausgeprägter kommunikativer Fähigkeiten, sondern meist dank guter Verbindungen und Fürsprecher."

Eine Niete im Nadelstreifen sorgt dafür, daß weitere folgen, bis sie idealerweise ein ganzes Geflecht hoher Positionen innerhalb einer Firma innehaben, so daß sie sich alle gegenseitig stützen können. Vetternwirtschaft ist das Geschäft des Narzißten. In gewisser Weise könnte man dies als Versuch beschreiben, eine Familie um sich herum aufzubauen, wie er sie als Säugling gebraucht hätte - Leute, die immer für ihn da sind und ihn auf Händen tragen, ohne ein Wort der Kritik, immer voll des Lobes. So wird sein frühkindliches Bedürfnis nach Aufmerksamkeit in pervertierter Form für kurze Augenblicke gestillt.

Auf professioneller Ebene bedeutet dieser "Nestbau" allerdings viel Negatives. Offensichtliche Bevorzugung einiger höriger Mitarbeiter, Gehaltsordnung nicht nach Leistung, sondern nach Nase, sind an der Tagesordnung. Das Arbeitsklima wird hierdurch enorm leiden. Alteingessesene Leistungsträger dürfen zusehen, wie neue Leute in die Firma geholt werden, die die gleiche Arbeit verrichten, häufig noch mit schlechteren Ergebnissen, aber dafür weitaus besser entlohnt werden.

Für solche Firmen, in denen die narzißtische Darstellungswut echte unternehmerische Kompetenz verdrängt hat, gehen nicht selten die Lichter aus. Anstatt die Probleme, die auftauchen, nachhaltig und zur Zufriedenheit aller zu lösen, wird eher am Image und am schönen Schein gearbeitet. Einem Bühnenbildner gleich, der Pappkulissen für Hollywoodfilme entwirft, ist der narzißtische Manager darum bemüht, nach außen und für seine Vorgesetzten ein Bild des Erfolgs abzugeben. Hinter den Kulissen jedoch bröckelt es.

Es gehört zum Selbstverständnis des Narzißten, daß er für das, was er tut, sehr gut bezahlt werden will. Denn Geld ist ein Statussymbol, und solche braucht er, um sich zu versichern, er sei wertvoll. Sein Bankkonto soll ihm sein nicht vorhandenes Selbstwertgefühl ersetzen.

Verliert der Narzißt seinen Job, sei es durch die Pleite der heruntergewirtschafteten Firma oder dadurch, daß seine Inkompetenz schließlich doch jemandem aufgefallen ist oder sich die Mitarbeiter ganz einfach gegen ihn wenden, wird er in aller Regel weich fallen. Er hat gute Aussichten, schnell wieder in eine hohe Position bei einer anderen Firma zu gelangen, da seine Bekanntschaften das Gleiche für ihn tun werden, was er für sie tat. Es muß nur ein Mitglied des Netzwerks wieder in die Position kommen, andere einstellen zu können.

Arbeitsethos
Die Deprivationen der Frühkindheit können sich im späteren Leben auf zweierlei Arten äußern. Entweder sucht ein Mensch in sich selbst nach der Liebe und Anerkennung, die ihm die Eltern nicht geben konnten, oder aber er sucht sie in der Außenwelt. Entweder kehrt er in sich, verschließt sich, oder er kehrt sich nach außen und sucht verzweifelt nach der Anerkennung durch andere. Beides ist Ausdruck eines tiefsitzenden Minderwertigkeitsgefühls. Das In-Sich-Gekehrtsein geht einher mit sehr viel Scham. Menschen mit einer Schamprägung - in vielem das Gegenteil des Narzißmus - sind still, verschlossen, arbeiten häufig lieber allein als im Team. Da sie ihre Leistung nicht vor anderen, sondern vor sich selbst rechtfertigen, werden sie in der Regel sehr viel genauer und fehlerfreier arbeiten als Narzißten. Anderen kann man leicht etwas vorspielen, sich selbst jedoch weitaus schwieriger. Ein schamgeprägter Mensch befindet sich in der mißlichen Lage, daß er jeden Fehler, den er macht, als persönlichen Makel empfindet. So entwickelt sich häufig eine tiefsitzende Angst davor, Fehler zuzugeben und neue Dinge zu lernen. Perfektionismus und "Aufschieben" sind die Dämonen, die ihn begleiten. Für ein Unternehmen sind solche Menschen allerdings ein Glücksfall, denn sie leisten erstklassige Arbeit in ihrem kleinen Bereich. Aber dahinter stecken Schicksale und Leben gelebt in dem ständigen Gefühl, nichts wert zu sein, wenn man nicht alles gibt.

Der Narzißt verhält sich genau gegenteilig. Seine häufig mittelmäßigen bis schlechten Leistungen sind ihm nicht innerer Ansporn, seine Fehler quälen ihn nicht. Hauptsache, er kann sich nach außen als Erfolg präsentieren. Ein schicker Anzug, ein dickes Auto, ein großspuriges Auftreten, eine gut gefälschte Statistik und viele Worte um Nichts. Natürlich haben Narzißten Stärken, die einem Unternehmen zu gute kommen. Dazu gehören sicherlich ihre Kommunikationsfähigkeit und oberflächlich zugänglichen Persönlichkeiten. Sie geben hervorragende Außendienstler und Medien-Repräsentaten ab. Sie sind diejenigen, die man als "Gesichter des Unternehmens" kennt. Sie betreiben Marketing und Öffentlichkeitsarbeit. Sie putzen bereitwillig und erfolgreich Türklinken. Als normale Angestellte haben sie nicht mehr oder weniger Vorteile als ihre schamgeprägten Kollegen.
Aber ihnen wohnt der Wille zur Macht inne. Sie wollen Manager werden, nicht, um ihren Kollegen ein angenehmes Arbeitsklima zu ermöglichen und die Firma voranzubringen, sondern um sich auf einer größeren Bühne besser in Szene setzen können. Je nach Größe eines Unternehmens können einige solcher Manager ausgehalten werden, aber wenn sie zu viel Einfluß bekommen und zu viele Positionen besetzt haben, erlebt man nicht selten die spektakulären Fälle von Mißwirtschaft, die selbst große Unternehmen in den Ruin treiben. Die Firmen werden von innen durch schlechte Personalpolitik und das beständige Überschminken von Problemen ausgehöhlt, bis sie zusammenbrechen. Die Leidtragenden sind die kleinen Angestellten, die keinem großen Netzwerk von Managerfreunden angehören und nicht gleich wieder in neue, lukrative Anstellungen gelangen.
Letztlich führen die Nieten in Nadelstreifen nach außen ein Leben in Saus und Braus, nach innen aber ein Leben in verzweifelter Suche nach Anerkennung, um ein frühkindliches Bedürfnis zu befriedigen, das nicht zu befriedigen ist. Sie leben mit einem unstillbaren Hunger nach Aufmerksamkeit. Sie sind ob ihrer Autos, Häuser und anderer Statussymbole nicht zu beneiden, denn diese sind nur Ausdruck eines leeren Inneren. Das ist das persönliche Schicksal des Narzißten. Gesellschaftlich aber ist er gefährlich, wenn er in Positionen der Macht kommt. Durch seine Egozentrik und sein Vorspielen falscher Tatsachen, durch seine Vetternwirtschaft und seine Unfähigkeit, mit Kritik umzugehen, kann er als Manager die Leben von Angestellten äußerst negativ beeinflussen, wenn nicht gar ruinieren.